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Stories Reportagen Hauskatzen als Vogelkiller – gefundenes Fressen für die Presse

Hauskatzen als Vogelkiller – gefundenes Fressen für die Presse

Hauskatzen und Artenschutz

In den vergangenen Tagen geisterte wieder eine Horrorgeschichte über Hauskatzen durch Print- und Online-Presse. „Katzen für Artenvielfalt gefährlicher als Pestizide“ titelte etwa „Die Welt“. Falsch und extrem schlecht recherchiert, finden wir. Warum? Lesen Sie hier.

 

 

Hauskatzen sind mal wieder zur Zielscheibe geworden. Dieses Mal nimmt sich das renommierte Smithsonian Institute in den USA die Hauskatzen vor. In der Zusammenfassung – selbst der vermeintlich seriösen – Tagespresse bleiben blutrünstige Headlines übrig: „Gefahr für die Artenvielfalt - Tödliche Hauskätzchen“ titelt beispielsweise die gemässigte Süddeutsche. Top-Agrar, ein Fachmagazin der Landwirtschaftsindustrie, titelt sogar „US-Studie: Hauskatzen für Artenschwund bei Vögeln mitverantwortlich“. Auslöser dieser Pressekampagne ist die Veröffentlichung einer Studie mit dem Titel „The impact of free-ranging domestic cats on wildlife of the United States" von  Scott R. Loss, Tom Will und Peter P. Marra.

Damit werden Hauskatzen zu einer schlimmeren Gefahr für die Artenvielfalt als der Einsatz von Pestiziden in der Landwirtschaft stilisiert – zumindest für den, der sich mit diesen oberflächlichen Informationen zufriedenstellt, wie die Journalistenkollegen der Tageszeitungen.

Zunächst haben wir versucht, mit den Autoren der Studie Kontakt aufzunehmen. Bisher leider ohne Antwort. Wir haben uns die Mühe gemacht und die Studie komplett gelesen (und vorher für den stolzen Preis von 30,- US Dollar gekauft). Unser Ergebnis: Wer genau hinsieht, würde nicht so undifferenziert über Hauskatzen schreiben. Aber was tut ein Redakteur nicht für eine blutrünstige Headline …

Hauskatzen und Artensterben – Dichtung und Wahrheit

Die Autoren der Studie sagen in ihrem Artikel selbst: „we estimate“. Wer des Englischen mächtig ist, weiß, das heißt „wir schätzen“. Einfache Frage: Bedeutet „schätzen“ gleich wissen? Bei kompletter Durchsicht des Artikels und der Quellen, die dieser Schätzung zu Grunde liegen, kommen Quellen aus einem reichlich großen Zeitfenster zusammen: Die älteste Quelle stammt aus dem Jahr 1936, die jüngste aus dem Jahr 2011. Das gesammelte Zahlenmaterial wurde also hochgerechnet. Und wie valide die früheren Untersuchungen sind, kann zunächst niemand verifizieren.

In der Studie wird sogar darauf hingewiesen, dass die Schätzungen Unsicherheitsfaktoren beinhalten. So ist bisher nicht erforscht, wie groß die Population verwilderter Hauskatzen ist, auf deren Konto der Großteil getöteter Vögel und Kleinsäuger gehen sollen. Ebensowenig ist erforscht, wie hoch der Beuteerfolg von freilaufenden Hauskatzen ist. Auf diesen Hinweis der Autoren geht natürlich kein Verfasser eines Artikels ein. Andererseits wird im Text bemerkt, dass bisherige Schätzungen davon ausgehen, dass mehr Vögel an den Glasflächen von Häusern zu Tode kommen als durch die Krallen von Hauskatzen.

Zu guter Letzt wird jedoch – besonders medien- und vor allem pressewirksam – eine Behauptung aufgestellt. Ob diese Behauptung – nach streng wissenschaftlichen Kriterien – überhaupt den Fakten standhält, bleibt zu bezweifeln. Aus einem einfachen Grund: Weil valides Datenmaterial fehlt. Schon Paul Leyhausen weist in seinem Standardwerk zum Verhalten der Katze darauf hin, dass es keine wissenschaftlich gesicherten Untersuchungen gibt, wie viele Wildvögel und Kleinsäuger eine Hauskatze mit Freigang erlegt. 

Leben mit Hauskatzen in der Stadt: Lesen Sie hier alles über das Leben mit Samtpfoten 

Prügelknaben: Hauskatzen

Was uns an diesem Artikel – und dem unreflektierten Verbreiten der reißerischen Zusammenfassung – stört: Für einfach gestrickte Geister ist damit die Welt wieder in Ordnung. Chemie auf den Feldern ist doch nicht so gefährlich – es ist die Hauskatze, die Vögel killt! Vielleicht ist sie ja sogar am Bienensterben mitverantwortlich … ? Damit wird durch die Hintertür Greenwashing für Chemiekonzerne betrieben – ob gewollt oder nicht, überlassen wir dem Urteil des geneigten Lesers.


Ebensowenig möchten wir von der Problematik der Streunerkatzen ablenken. Der Artikel stellt auch die Bemühungen aller Tierschutz-Engagierten in Frage, die sich um die Versorgung und Kastration von Streunerkatzen kümmern. Denn eben diese Maßnahmen sprechen auch die Autoren an, um die Populationen wild lebender Hauskatzen in den Griff zu bekommen. Kein neues Thema, aber sicher nicht so aufmerksamkeitsstark wie die Hauskatzen als Artenkiller.

Probleme mit Hauskatzen: Ursache Mensch

Letzten Endes sind die Probleme, die Hauskatzen verursachen, von Menschen gemacht. Inseln, auf denen Hauskatzen zur Gefahr für einheimische Vögel werden, wurden von Menschen erschlossen – die Hauskatzen quasi im Schlepptau hatten. Verwilderte Hauskatzen in unseren Breiten gehen auf das Konto von Menschen, die Katzen willkürlich aussetzen, schlimmstenfalls unkastrierte Katzen und Kater frei laufen lassen.
Voreilige Urteile sind immer schnell getroffen. Unterstützung bei der Lösung des Problems hingegen bleibt den engagierten Tierschützern überlassen. Seltsame Welt.

Zu guter Letzt noch eine Schätzung meinerseits: Ich schätze, dass 99% der Journalisten, die den Unsinn über Killer-Hauskatzen in ihre Blätter gebracht haben, die Studie nicht gelesen haben. Und ich schätze ebenso, dass die 99% der Redaktionen zu geizig waren, die 30 Dollar in die Hand zu nehmen, um die Studie in Gänze bewerten zu können. Damit ihre Redakteure wissen, worüber sie schreiben. Schade eigentlich, denn das ist Unterstufen-Journalismus. Was natürlich schön wäre: Eine Richtigstellung. Aber dazu sollte man erst mal die Studie lesen …